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Typen im Schnee – Der Fotograf

Typen im Schnee: So heißt eine Serie, in der wir Menschen vorstellen, die beruflich oder privat ausgesprochen eng mit dem weißen Metier verbunden sind. Heute: Diethard Thallinger (73), von allen genannt „Thalle“, Fotograf in Obertauern im Salzburger Land.

ALS OBERTAUERNS WELT NOCH SCHWARZWEISS WAR


Sind Sie eigentlich ein Alteingesessener von hier?

Ich bin gebürtiger Kärntner, lebe jeden Sommer dort am Weißensee und im Winter in Obertauern. Hier herauf kam ich 1964. Aber der Ort ist sooooo jung – der hat keine Ureinwohner in diesem Sinne. In Obertauern sagt keiner zu einem, der hier lebt, aber nicht hier geboren oder aufgewachsen ist: „Du bist ja ein Salzburger oder Wiener oder so.“

Sie seien, wurde uns gesagt, der Haus- und Hoffotograf von Obertauern und…

Gewesener! Gewesener! Ich bin seit neun Jahren in Pension und mache nur noch was, wenn sie keinen anderen finden. Ein Professor hat mal gesagt: „Jetzt gehe ich in Pension und lebe im Augenblick. Und so lebe ich jetzt auch.“

Also eher eine lebende Legende.

Ich habe dreißig Jahre lang für den Bürgermeister und Tourismusverbands-Chef Dieter Kindl fotografiert, die Prospekte und vieles andere. Zum Beispiel den ältesten Skiurlauber von Obertauern – einen 98jährigen Wiener. Und den jüngsten. Der war zwei. Lifteröffnungen, Nachtleben, Hochzeiten. Von der Hasselblad bis zur Mamiya. Früher war das ein Statussymbol für den Fotografen. Heute hat jeder ein Handy. Da macht die Kamera 20 Aufnahmen und das beste Bild sucht man ’raus.

Waren Sie da fest angestellt?

Ich hatte ein Fotogeschäft und Souvenirs und Antiquitäten mit vier fest angestellten Fotografen – zur Schwarzweiß-Zeit damals. Da musste ich nicht vom Tourismusverband selbst noch angestellt werden.

Und vermutlich haben Sie zur SW-Zeit damals alles selbst entwickelt.

Klar, ich hatte ein eigenes Labor. Das musste ja auch sein bei den vielen Fotografier-Möglichkeiten. Die ganzen Skikurse damals – mit Erwachsenen noch. Da hat jeder ein Schwarzweiß-Bild gekauft. Auch abends habe ich viel fotografiert – und am nächsten Tag haben sie dann das gekauft. Heute ist das alles vorbei…

Aber Hochzeiten gehen schon noch?

Gelegentlich. Insgesamt habe ich in meinem Leben außer Einheimischen-Vermählungen auch noch fünf Hochzeiten fotografiert – von Touristen! Die hatten sich in Obertauern kennen gelernt und wollten dann hier auch heiraten. Ein deutsches Paar wünschte mal direkt neben einer Wächte abgebildet zu werden, die wohl wichtig für sie war. Da musste ich mit denen auf Ski in den Schnee. Die Braut kam mit weißem Kleid in Skischuhen. Heute ist es mit den Hochzeitsfotos so, dass am nächsten Tag der Pfarrer mit dem Laptop kommt und von Seite zu Seite wischt und „Welche wollen Sie?“ fragt…

Was haben Sie am liebsten fotografiert?

Die Landschaft. Ich habe ja auch einen Ansichtskarten-Verlag. Heute schreiben nur noch die Briten und ein paar aus dem Osten. Ansichtskarten sind fast gestorben. Ich bin da mit Tourenski unterwegs und finde Positionen, die kein anderer Fotograf kennt. Das ist eine Aufgabe, die einen beruhigt. Man schaut, wie das Licht ist – und dann muss man zum richtigen Zeitpunkt dort sein.

Waren Sie auch sonst auf Tourenski unterwegs – und ist da nie was passiert?

Nie. In den ganzen 40 Jahren nicht. Obwohl wir die verrücktesten Rinnen gefahren sind. Der Bäcker hat uns immer weder gesagt: „Ich habe schon eine Kupfertafel für euch in Auftrag gegeben. Weil ihr werdet wie der Ötzi enden!“.

Welche Foto-Jobs mochten Sie gar nicht?

In Obertauern keine. Da war alles prima. Aber in der Lehrzeit in Wien musste ich Fotos von den Aufgebahrten im Sarg machen. Das hat mir nicht getaugt, aber ich war halt der Lehrbeitl. Interessant war auch, eine Generalprobe vom Karajan zu fotografieren. Er schrie: „Fotografen hinaus!“ Den hat der Schlitzverschluss der Kamera gestört, so ein winziges Geräusch! Daran merkte man, was der für ein Ohr hatte. Ich wurde später dann Geschäftsführer des größten Fotogeschäfts in Wien. Und habe mit Frack auf dem Opernball fotografiert – mit zwei Puppelen (Mädchen, Anm. d. Red.) links und rechts, die mir die Kassetten reichten für die Linhoff 10 x 15 cm-Kamera. Aber irgendwann dachte ich mir: Ab in die Berge!

Was gefällt Ihnen in Obertauern am besten?

Wir haben einen überschaubaren Ort. Wenn man mit den Ski unterwegs ist, kann man mit jedem Lift fahren und kommt automatisch immer wieder unten ’raus. Und die Leute gefallen mir! Das ist eine Einheit, die Familien befehden sich nicht. Diskussionen gibt es überall. Auch die Touristen mag ich – denn ich bin gerne unter Menschen.

Ihre Läden und Ihr Job haben sicher was abgeworfen.

Ich habe mein ganzes Geld in Düsenlärm umgelegt und die ganze Welt bereist. Aber meistens in der Scheißhäuslklasse. Na ja, nicht immer. Ich kannte einen Chefpiloten, dem besorgte ich eine Wohnung in Obertauern. Dafür bekam ich immer Upgrade. Und Zugang zu den schönsten Frauen des Flugzeugs. Er hat die ganzen Puppelen nach Obertauern gebracht. Er war zwar verheiratet, aber trotzdem ein Lauser. Aber ich war natürlich auch viel mit Zügen unterwegs. Letzten Mai zum Beispiel mit der Transsibirischen Eisenbahn. Der Giftmischer war auch dabei. (Apotheker von Obertauern, Anm. d. Red.)

Der größte Foto-Moment Ihres Lebens?

Den gibt es nicht. Aber stolz bin ich auf das Foto, das ich von der Gamsleiten 2 gemacht habe und das heute noch auf Plakaten zu sehen ist.

Und Promis?

Die Beatles, als die hier drehten – das waren fast alles meine Aufnahmen. Ich habe dem damals gar nicht so viel beigemessen. Die Skikurse waren mir wichtiger. Ich habe es einfach nicht überrissen, wie wichtig die Beatles waren. Und dann habe ich natürlich immer die „Schneeforscher“ (berühmte Skigruppe um Uwe Seeler und Franz Beckenbauer, Ann. d. Red.) fotografiert und den Herminator (Hermann Maier, Anm. d. Red.) und so weiter. Ich habe immer fotografiert – und der Dieter Kindl hat alles an die Zeitungen gegeben.

Ihr schönstes Nightlife-Foto?

Eher mein lustigstes. Anlässlich eines Faschingsfestes. Da habe ich 150 Leute im Atelier aufgeschichtet, was an sich schon schwierig ist. Aber da waren dann noch so viele Rauschige dabei, dass wenn der Letzte gestanden ist – der Erste wieder umgefallen ist. Das hat etwas länger gedauert, bis es korrekt im Kasten war.

Und Ihr schrägstes Bild?

Zur Zeit der Skipass-Fotos standen die Leute schon um 8 Uhr in der Früh’ vor der Türe und ich habe innerhalb von zwei Stunden mit der Polaroid immer um die 200 Menschen fotografiert. Die Damen stellten sich immer brav an, die Männer jedoch drängelten. Und einmal kam so ein Krauterer die Treppe rauf gestürmt und schrie schon von Weitem, dass er nicht so lange anstehen könne. Da habe ich ihn gleich mitten im Gehen fotografiert, das Gesicht war nur zur Hälfte drauf und völlig verzerrt. Er hat es sich angesehen und geschrien: „Sie Murkser, Sie!“.

Info: 2003 wurde im Tourist Office in Obertauern im 1. Stock eine Ausstellung mit Fotos des Ortes eröffnet, inszeniert von Diethard Thallinger und Gerhard Krngs. Die ältesten Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1900 – ein MUSS-Besuch, wenn man in Obertauern ist! Der Eintritt ist frei. Das Buch zur Ausstellung kostet 20 Euro.

Infos: www.obertauern.com

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